Klage

Klage Ambraser HeldenbuchAnfang der Klage im ‚Ambraser Heldenbuch‘ (Bl. 22v)

Inhaltsverzeichnis

  • Überlieferung
  • Editionen
  • Übersetzungen
  • Beschreibung
  • Textproben aus dem Anfang (v. 1–30)

Überlieferung

  • Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Ser. nova 2663 (‚Ambraser Heldenbuch‘), 238 Blätter, Pergament, dreispaltig, 1504/1516, südbairisch [Handschriftencensus], Bl. 22rc–26va (Sigle A) [abrufbar (Bild 61–70); Hartmann von Aue-Portal: Transkription] → v. 1–1799, 1802–1821, 1826–1914 (= 1908 Verse)

Editionen

  • Primisser 1816, Alois: Noch eine neue Handschrift der Nibelungen und des Heldenbuchs. In: Wöchentliche Nachrichten für Freunde der Geschichte, Kunst und Gelahrtheit des Mittelalters. Hrsg. von Johann Gustav Büsching. Bd. 1. Breslau, S. 385–392, hier S. 387 [abrufbar] → v. 1 f. (= 2 Verse)
  • Primisser 1822, Alois: IX. Über Maximilians I. Sammlung altdeutscher Gedichte in einer Pergament-Handschrift der k. k. Ambraser-Sammlung. In: Taschenbuch für die vaterländische Geschichte. 3. Jahrgang. Hrsg. von Joseph von Hormayr. Wien, S. 349–376, hier S. 360–362 [abrufbar] → v. 1–30, 1645–1652, 1911–1914 (= 42 ungezählte Verse)
  • von der Hagen 1838, Friedrich Hagen: Minnesinger. 3. Theil. Berlin, S. 468ff–hh [abrufbar] → v. 1645–1799, 1802–1821, 1826–1914 (= 264 ungezählte Verse, in 15 gezählte Strophen gegliedert)
  • Haupt 1842, Moriz (Hrsg.): Die Lieder und Büchlein und der arme Heinrich. Leipzig, S. 27–85 [abrufbar]; 21881, S. 65–123 [abrufbar] → v. 1–1799, 1802–1821, 1826–1914 (= 1908 Verse, gezählt 1–1914, erste Lücke v. 1196; 1881 besorgt von Ernst Martin)
  • Bech 1867, Fedor (Hrsg.): Hartmann von Aue. 2. Theil. Lieder. Erstes Büchlein. Zweites Büchlein. Grêgorjus. Der arme Heinrich. Leipzig (= Deutsche Classiker des Mittelalters 5,2), S. 39–103 [abrufbar]; 21873, S. 47–112 [abrufbar]; 31891, S. 48–113 [abrufbar]; 41934, [GVK] → v. 1–1799, 1802–1821, 1826–1914 (= 1908 Verse, erste Lücke v. 1196)
  • Maurer 1958, Friedrich (Hrsg.): Hartmann von Aue. Der arme Heinrich nebst einer Auswahl aus der ‚Klage‘, dem ‚Gregorius‘ und den ‚Liedern‘ (mit einem Wörterverzeichnis). Berlin (= Sammlung Göschen 18), S. 9–16 [auszugsweise abrufbar]; 21968 [auszugsweise abrufbar] → v. 1–52, 75–82, 581–640, 730–792, 1269–1348 (= 263 Verse, nach Haupt 1842)
  • Zutt 1968, Herta (Hrsg.): Hartmann von Aue. Die Klage. Das (Zweite) Büchlein. Berlin [GVK] → nicht eingesehen (v. 1–1821, 1826–1914 = 1910 Verse, nach der Beschreibung: Gärtner 2015, S. xvii–xviii)
  • Wolff 1972, Ludwig (Hrsg.): Das Klagebüchlein Hartmanns von Aue und das zweite Büchlein. München (= Altdeutsche Texte in kritischen Ausgaben 4) [GVK] → nicht eingesehen (Beschreibung: Gärtner 2015, S. xviii–xix)
  • Unterkircher 1973, Frank (Hrsg.): Ambraser Heldenbuch. Faksimile. Vollständige Faksimile-Ausgabe im Originalformat des Codex Vindobonensis series nova 2663 der Österreichischen Nationalbibliothek. Graz (= Codices selecti 43,1), Bl. 22rc–26va [GVK] → v. 1–1799, 1802–1821, 1826–1914 (= 1908 Verse, Faksimile)
  • Tax 1979, Petrus W. (Hrsg.): Hartmann von Aue. Das Büchlein. Nach den Vorarbeiten von Arno Schirokauer zu Ende geführt und hrsg. von P.W.T. Berlin (= Philologische Studien und Quellen 75), S. 32–98 [GVK] → v. 1–1821, 1826–1914 (= 1910 Verse)
  • Keller 1986, Thomas L. (Hrsg.): Hartmann von Aue. Klagebüchlein. Edited, Translated, and with an Introduction by T.L.K. Göppingen (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 450), S. 2–76 [GVK] → v. 1–1821, 1826–1914 (= 1910 Verse)
  • Gärtner 2015, Kurt (Hrsg.): Hartmann von Aue. Die Klage. Berlin [u.a.] (= Altdeutsche Bibliothek 123), S. 1–80 [auszugsweise abrufbar] → v. 1–1821, 1826–1914 (= 1910 Verse)
  • Hess 2016, Ineke: Selbstbetrachtung im Kontext höfischer Liebe. Dialogstruktur und Ich-Konstitution in Hartmanns von Aue ‚Klage‘. Berlin (= Philologische Studien und Quellen 255), S. 278 [GVK] → v. 1–221 (= 221 Verse, Faksimile von Bl. 22v)

Übersetzungen

Ins Deutsche

  • Schönherr 2015, Hartmut: Gedichte-Werkstatt. Bruchsal [o.J.] [abrufbar] → Prosa (v. 1–60, angeblich nach Gärtner 2015, wohl eher Keller 1986)
  • Hess 2016, Ineke: Selbstbetrachtung im Kontext höfischer Liebe. Dialogstruktur und Ich-Konstitution in Hartmanns von Aue ‚Klage‘. Berlin (= Philologische Studien und Quellen 255), S. 269–276 [GVK] → Prosa (v. 1645–1799, 1801–1821, 1826–1914 = 264 Verse, nach A und Gärtner 2015)

Ins Englische

  • Keller 1986, Thomas L. (Hrsg.): Hartmann von Aue. Klagebüchlein. Edited, Translated, and with an Introduction by T.L.K. Göppingen (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 450), S. 3–77 [GVK] → Prosa (vollständig, nach Keller 1986)
  • Tobin 2001, Frank [u.a.]: Arthurian Romances, Tales, and Lyric Poetry. The Complete Works of Hartmann von Aue translated with commentary by F.T, Kim Vivian, Richard H. Lawson. University Park, Pa., S. 2–27 [auszugsweise abrufbar] → nicht vollständig eingesehen

Beschreibung

Die Klage ist im ‚Ambraser Heldenbuch‘ unikal überliefert. Erhalten sind 1908 Verse. Die innere Struktur des Schlussgedichts zeigt, dass in diesem Teil sechs Verse verloren sind. Im Hauptteil scheint dagegen kein Vers zu fehlen. Das Original enthielt also vermutlich 1914 Verse. Das Gedicht ist ein Streitgespräch zwischen dem Körper und dem Herzen eines verliebten Jünglings. Er ist unglücklich, weil er von einer geliebten Dame abgewiesen worden ist. Der Text besteht aus einem Prolog (v. 1–32), einem Dialog zwischen dem Körper und dem Herzen (v. 33–1644) und einem Schlussgedicht in 15 immer kürzer werdenden Strophen, in denen sich der Jüngling an die geliebte Dame wendet (v. 1645–1914). Der Dichter stellt sich am Ende des Prologs in der dritten Person als von Ouwe her Hartman vor (v. 29). Der Prolog und das Gespräch sind in gewöhnlichen Paarreimen verfasst, das Schlussgedicht in strophisch gegliederten Kreuzreimen. Jede Strophe hat nur zwei Reime. Die erste Strophe hat 32 Verse, die folgenden je zwei weniger, die letzte nur 4 Verse.

Im ‚Ambraser Heldenbuch‘ ist das Gedicht graphisch durch 97 farbige Initialen in ebenso viele Abschnitte gegliedert. Die erste Initiale ist sieben Zeilen hoch. Sie ist blau auf goldenem Hintergrund. Die weiteren Initialen sind gewöhnlich nur drei Zeilen hoch und alternieren zwischen Blau und Rot. Drei Initialen sind vier Zeilen hoch (v. 33: O, v. 61: Z, v. 1537: J), eine wegen Platzmangels am Ende einer Spalte nur eine Zeile hoch (v. 1551: V). Die Initialen markieren manchmal den Anfang einer Replik, aber dieses System ist nicht konsequent durchgeführt. Viele Initialen scheinen nur eine dekorative Funktion zu haben. Zwölf der 15 Schlussstrophen beginnen mit einer Initiale. Im Original begannen wohl auch die drei übrigen Strophen mit einer Initiale (v. 1645, 1807, 1911).

Der Körper beginnt und beendet das Gespräch und hat deshalb eine Replik mehr als das Herz. Die beiden ersten Repliken sind mit 452 (v. 33–484) und 488 Versen (v. 485–972) ganz besonders lang und machen zusammen ungefähr die Hälfte des Gedichts aus. Das Gespräch beginnt also mit zwei Monologen. Danach folgen zwei kürzere Repliken von 153 (v. 973–1125) und 42 Versen (v. 1126–1167). Sie münden in eine Stichomythie von 101 Versen (v. 1168–1268), in welcher der Körper und das Herz 52 bzw. 51 ganz kurze Repliken haben. Die meisten Repliken bestehen in diesem schnellen Redewechsel aus einem Vers. In sieben Versen (v. 1184, 1192 f., 1213, 1218, 1242, 1246) sprechen sowohl das Herz als auch der Körper. Nach der Stichomythie gibt das Herz in einem Monolog von 107 Versen eine Erklärung über die Herkunft und die Natur des Zaubers, mit dem der Widerstand der Dame überwunden werden kann. Es ist ein allegorisches Kraut aus Frankreich, die aus acht höfischen Tugenden besteht (v. 1269–1375). Der Körper lässt sich dazu überreden, seine Klage aufzugeben, und legt in einem längeren Monolog von 160 Versen einen Eid ab (v. 1376–1535). In den vier letzten, relativ kurzen Repliken versöhnen sich die beiden Gesprächspartner und beschließen zusammen, zur Dame zu gehen (v. 1536–1644). Das Schlussgedicht ist das Ergebnis des Streitgesprächs, das insgesamt aus 113 Repliken besteht.

Die Klage ist eine Originaldichtung. Formal scheint sich Hartmann am traditionellen Streitgespräch zwischen Körper und Seele zu orientieren, erneuert aber diesen Typus, indem er die Seele durch das Herz ersetzt. Das bekannteste Beispiel dieser Gattung ist die anonyme Visio Fulberti. Dieses lateinische Gedicht besteht aus 327 Versen in 73 monorimen Strophen. Es wurde früher in die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert, dürfte aber eher in den Anfang des 13. Jahrhunderts gehören und wird heute Robert Grosseteste († 1253) [Wikipedia] zugeschrieben (Ed. Brandes 1897, S. 4–21 [abrufbar]; französische Übersetzung Dottin 1902, S. 9–39 [abrufbar]). Als unmittelbare Vorlage für die Klage scheidet dieses lateinische Streitgespräch also wahrscheinlich aus.

Die Rezeption der Klage ist gering und beschränkt sich wohl auf die frühneuzeitliche Abschrift. Der Text wurde im Mittelalter nie zitiert und wäre unbekannt geblieben, wenn ihn der Bozener Zollschreiber Hans Ried nicht um 1505 im Auftrag Kaiser Maximilians I. ins ‚Ambraser Heldenbuch‘ eingetragen hätte. Der Inhalt dieser berühmten Handschrift war noch größtenteils unbekannt, bis sie 1806 nach Wien kam. Die erste Nachricht über die Klage gab Alois Primisser [Wikipedia] 1816 bekannt. Er hatte damals ein philosophisches Studium an der Universität Wien absolviert und war zum Kustos des Wiener Antikenkabinetts und der Ambraser Sammlung ernannt worden. Er war Sohn des Hauptmanns von Schloss Ambras, wo die Sammlung sich früher befunden hatte. Sein Vater hatte ihn schon mit den dortigen Bücherschätzen vertraut gemacht. In einer Inhaltsangabe des ‚Ambraser Heldenbuchs‘ zitierte Primisser den dort eingetragenen Titel der Klage und die beiden ersten Verse. Auf der letzten Seite vor dem Anfang nannte Ried den Text Ein ſchoͤne Diſputatz · Von der | Liebe · ſo einer gegen einer ſchoͤnen | fraẘen gehabt · vnd getan hat (Bl. 22rc). 1822 beschrieb Primisser das ‚Ambraser Heldenbuch‘ ausführlicher und druckte diesmal den Prolog der Klage und den Anfang und den Schluss des strophischen Teils ab. 1838 edierte Friedrich Heinrich von der Hagen das Schlussgedicht in seiner Gesamtheit, beschrieb es als einen Leich und gliederte es in 15 Strophen. Er erkannte das abnehmende System und setzte die Lücken nach v. 1799 und v. 1821 an, ohne den Inhalt der sechs verlorenen Verse zu konjizieren.

Den Erstdruck besorgte Moriz Haupt 1842 und übertrug hier die frühneuzeitliche Abschrift in normiertes Mittelhochdeutsch mit Zirkumflex als Zeichen für Vokallänge und Interpunktion als Lesehilfe. Seine Konjekturen hob er nicht graphisch hervor. Unten auf jeder Seite gab er in einem dürftigen Apparat die Lesarten der handschriftlichen Vorlage wieder. Die Initialen markierte er fett und zog die jeweiligen Zeilen ein. Er führte zusätzlich eine fortlautende Verszählung von 1 bis 1914 ein, indem er die sechs verlorenen Verse berücksichtigte. An dieser Verszählung haben alle späteren Herausgeber festgehalten. Haupts Editionstext wurde maßgeblich und hat bis heute nur geringfügige Veränderungen erfahren. 1881 besorgte Ernst Martin eine verbesserte Zweitauflage und nahm nach Haupts handschriftlichem Nachlass einige Korrekturen vor. Haupt nannte den Text das ‚Erste Büchlein‘ und edierte ihn zusammen mit dem anonymen Text, der im ‚Ambraser Heldenbuch‘ unmittelbar auf ihn folgt. Letzteren nannte er das ‚Zweite Büchlein‘ und schrieb ihn Hartmann zu. So erklärte er diese These: „zum glück ahnte ich, ein gedicht das mitten zwischen hartmannnischen steht, zwischen dem ersten büchlein und dem Erec, bl. 26–28, werde wohl auch von Hartmann sein: jetzt wird niemand daran zweifeln, obwohl sich der dichter nicht nennt. Hartmanns gepräge wäre unverkannbar, wenn er auch nicht eine strophe eines seiner lieder fast wörtlich wiederholte. ich habe auch andere stellen angemerkt die er nach seiner gewohnheit mehrmals anwendet.“ (Haupt 1842, S. viii [abrufbar]). Die These stieß auf Skepsis und 1898 in einer gründlichen Reimstudie endgültig von Karl Kraus widerlegt: „All die beobachteten Thatsachen nötigen zu dem Schlusse, dass das vielumstrittene Gedicht nicht von Hartmann von Aue verfasst sein kann“ (S. 172) [abrufbar]. Nach dem heutigen Forschungsstand wurde dieser anonyme Text am Anfang des 13. Jahrhunderts von einem Dichter verfasst, der wie die meisten seiner Zeitgenossen unter Hartmanns Einfluss stand. So erklären sich die Übereinstimmungen seines Textes mit Hartmanns Dichtung als Entlehnungen. Für seinen Doppeltitel orientierte sich Haupt an einem Vers aus dem Schluss des jüngeren Texts, in dem der Erzähler sein Werk anredet. Dieser nennt es hier Kleinez büechel (v. 811, Ed. Haupt 1842, S. 110 [abrufbar]).

1867 übernahm Fedor Bech Haupts kritischen Text fast unverändert in der zweiten Ausgabe der Klage. Er hielt am Titel fest und gab den Text als ‚Erstes Büchlein‘ zusammen mit dem ‚Zweiten Büchlein‘ heraus. In der Einleitung machte Bech jedoch darauf aufmerksam, dass Hartmann selbst am Ende des Prologs das Wort klage (v. 30) benutzt, um seinen Text zu beschreiben (S. vi) [abrufbar]. Bech versah seinen kritischen Text mit einem ausführlicheren Apparat als Haupt. Er gab ihn 1873 und 1891 neu heraus. In der dritten Auflage entschloss er sich für den von ihm selbst empfohlenen Titel und nannte den anonymen, auf die Klage folgenden Text Das Büchlein. Die dritte Auflage wurde 1934 unverändert nachgedruckt.

Erst 1968 erschien die dritte Ausgabe der Klage. Sie wurde von Herta Zutt besorgt. Sie druckte eine diplomatische Transkription von Rieds Abschrift neben ihrem eigenen kritischen Editionstext ab. So kam die handschriftliche Grundlage des Werks endlich ans Licht. Zutt wählte Bechs Titel und nannte den Text die Klage. Wie ihre Vorgänger edierte sie ihn zusammen mit dem anonymen Gedicht, das sie mit Klammern Das (Zweite) Büchlein nannte. Zutt rückte die erste Lücke drei Verse nach unten und ließ sie bei v. 1800 statt bei v. 1797 beginnen, wo Haupt ihn irrtümlicherweise angesetzt hatte. 1896 hatte Anton Schönbach (S. 382 [abrufbar]) erkannt, dass Hartmann in dieser Strophe ausnahmsweise grammatische Reime verwendet. So gelang es Schönbach, die Lücke richtig zu lokalisieren und die Reimwörter der beiden verlorenen Verse zu rekonstruieren. Die 22 ursprünglichen Reimwörter der Strophe sind: armuot, armüete, unbehuot, behüete, bluot, blüete, gruot, grüete, guot, güete, verwuot, verwüete, ungemuot, ungemüete, bluot, blüete, gluot, glüete, vluot, vlüete, wuot, wüete (v. 1785–1806). In seiner Teilausgabe des Schlussgedichts hatte von der Hagen die Lücke richtig platziert und die grammatischen Reime offenbar erkannt, aber ohne die zu konjizierenden Reimwörter blüete und gluot zu ergänzen. Zutt fügte sie hinzu. Sie versuchte dagegen nicht, die zweite Lücke von vier Versen zu schließen.

1972 edierte Ludwig Wolff erneut beide Werke zusammen und wählte für den ersten eine wenig glückliche Kompromisslösung, in dem er ihn unter dem Titel Klagebüchlein herausgab. Aus diesem Grund ließ er Zutts Klammern weg und kehrte für den anonymen Text zum Zweiten Büchlein zurück.

1973 erschien das ‚Ambraser Heldenbuch‘ in einer Faksimileausgabe, die für vier Jahrzehnte eine unentbehrliche Quellengrundlage darstellen sollte. Sie ist seit der Veröffentlichung des abrufbaren Digitalisats überflüssig geworden.

1979 gab der Amerikaner Petrus W. Tax die fünfte Edition heraus. Sie beruht auf Vorarbeiten ton Tax’ 1954 verstorbenem Landsmann Arno Schirokauer [Wikipedia]. Dessen Witwe hatte Tax 1967 die unvollendete Edition ihres Mannes mit der Bitte überlassen, das letzte Drittel des Texts fertigzustellen. Ergebnis dieser langjährigen Arbeit ist eine in editorischer Hinsicht hybride Ausgabe, die sich im Wesentlichen nicht von den vorigen unterscheidet.

1986 stellte Thomas L. Keller in einem synkretistischen Verfahren einen Lesetext aus den vorliegenden Editionen dar und übersetzte ihn ins Englische. Er hielt an Wolfs hybridem Titel fest und nannte also den Text Klagebüchlein.

2015 erschien die siebte und bislang letzte Edition. Sie wurde von Kurt Gärtner besorgt, der den Text mit einem umfangreichen doppelten Apparat versah. Er markierte seine Korrekturen kursiv und verzeichnete die ursprünglichen Lesarten in seinem ersten Apparat zusammen mit den abweichenden Varianten der früheren Editionen. Im zweiten Apparat kommentierte er den Text mit grammatischen Hinweisen und Übersetzungsvorschlägen. Gärtners Edition ist heute maßgeblich. Er führte auch die Sigle A für die Abschrift im ‚Ambraser Heldenbuch‘ ein.

2001 übertrug Frank Tobin zusammen mit Kim Vivian und Richard H. Lawson die Klage erneut ins Englische. Sie eröffnet seine Übertragung von Hartmanns Gesamtwerk. Auf Deutsch liegt noch keine vollständige Übersetzung der Klage vor. Der Bruchsaler Hochschullehrer Hartmut Schönherr hat nach dem Erscheinen von Gärtners Edition eine Übersetzung der ersten 60 Verse ins Netz gestellt. 2013 legte Ineke Hess im Anhang ihrer drei Jahre später erschienenen Hochschulschrift eine Übersetzung des Schlussgedichts vor. Die beiden sich ergänzenden deutschen Übertragungen stellen zusammen nur ein Sechstel des Gesamtwerks dar.

Textproben aus dem Anfang (v. 1–30)

Aus der Handschrift

A (Hans Ried um 1505)

Mÿnne waltet groſ= | ſer krafft: Wan̄ | ſy wirt ſighafft: | an thumben | vnd weÿſen: an | alten vnd greÿ= | ſen: an Armen | vnd an reichen: gar gewaltigklichn̄: | bezwang Sy einen Iüngeling: daz Er | alle ſeine ding: mueſſet mit gewalt | ergeben: Vnd nach Irem gepote leben: | So daz Er Zemaſſe ein weÿb: durch | ſchone ſÿnne: vnd durch Irn leÿb: | mÿnnen begunde: da ſy im des nicht | begunne: daz Er Ir were vnndertan: | Sy ſprache er ſolte Sÿ erlan: | Doch verſůchet er es Ze al= | ler Zeit: diſen kumer= | lichen ſtreyͤt: dorfft Er | nÿemand geſagen: darumb wolt | Er nÿmmer tragen: ob Er ſy des er= | paͤte: daz ſÿ ſeinen willen teͤtte: daz | es verſchwigen waͤre: er klaget ſein | ſchwaͤre: in ſeinem můte: vnd het |in ſeiner hůte: ſo Er peſt kunde: daz | es yemand befunde: das was von Awe | herr Hartman: der auch diſe klag began: 

Aus den Editionen

Primisser 1822 (in Fraktur)

Mynne waltet großer krafft / wann ſy wirt ſighaft / an thumben vnd weyſen, / an alten vnd greyſen / an armen vnd an richen; / gar gewaltigklichen / bezwang ſy einen Jüngling, / daß er alle ſeine Ding / mueſſet mit gewalt ergeben / vnd nach irem gepote leben, / ſo daz er ze maſſe ein weyb / durch ſchone ſynne vnd durch irn leib / mynnen begunde. / Da ſy im des nicht engunne, / Daz er ir were vnndertan, / ſy ſprache: er ſolte ſy erlan. / Doch verſuchet er es ze aller Zeit, / dieſen kumerlichen Streit / dorfft er nymand geſagen, / darumb wolt er nyemmer tragen / ob er ſy des erpäte / Daz ſy ſeinen willen tette / Daz es verſchwigen wäre / er klaget ſein ſchwäre / in ſeinem mute / vnd het in ſeiner hute / ſo er peſt kunde / daz es yemand befunde / das was von Awe her Hartmann / der auch diſe klag began.

Haupt 1842

Minne waltet grôzer kraft, / wan sî wirt sigehaft / an tumben unde an wîsen, / an jungen unde an grîsen, / an armen unde an rîchen. / gar gewalteclîchen / betwanc sî einen jungelinc, / daz er alliu sîniu dinc / muose in ir gewalt ergeben / und nâch ir gebote leben, / sô daz er ze mâze ein wîp / durch schœne sinne und durch ir lîp / minnen begunde. / dô sî im des niht gunde, / daz er ir wære undertân / (sî sprach er solte sî erlân), / doch versuochte erz zaller zît. / disen kumberlîchen strît / entorste er nieman gesagen: / dar umbe wolt ern immer tragen, / ob er sî des erbæte / daz sî sînen willen tæte, / daz ez verswigen wære. / er klagete sîne swære / niwan in sînem muote / und het in sîner huote, / sô er beste kunde, / daz ez ieman befunde. / daz was von Owe Hartman, / der ouch dirre klage began[.] 

Bech 1867

Minne waltet grôzer kraft, / wande sî wirt sigehaft / an tumben unde an wîsen, / an jungen unde an grîsen, / an armen unde an rîchen. / gar gewalticlîchen / betwanc sî einen jungelinc, / daz er alliu sîniu dinc / muose êt in ir gwalt ergeben / und nâch ir gebote leben, / sô daz er ze mâze ein wîp / durch schœne sinne und durch ir lîp / mínnén begunde. / dô si̩ im des niht engunde, / daz er ir wære undertân / (sî sprach er solte si’s erlân), / doch versuochte er’z z’aller zît. / disen kumberlîchen strît / entorste er niémán gesagen: / dar umbe wolt er’n immer tragen, / ob er sî des erbæte / dáz sî sînen willen tæte, / daz ez verswigen wære. / er klagete sîne swære / niwan in sînem muote / und het in sîner huote, / sô er beste kunde, / daz ez ieman befunde. / daz was von Ouwe Hartman, / der ouch dirre klage began[.]

Tax 1979

Minne waltet grôzer kraft; / wan sî wirt sigehaft / an tumben unde wîsen, / an jungen unde grîsen, / an armen unde̩ an rîchen. / gar gewalteclîchen / betwanc sî einen jungelinc, / daz er alliu sîniu dinc / muose in ir gwalt ergeben / und nâch ir gebote leben, / sô daz er ze mâze ein wîp / durch schoene sinne und schoenen lîp / minnen begunde, / dô sî im des niht gunde / daz er ir waere undertân; / sî sprach er solte sî erlân. / Doch versuochte erz zaller zît. / disen kumberlîchen strît / torste̩ er nieman gesagen / dar umbe wolte̩ ern eine tragen, / ob er sî des erbaete / daz sî sînen willen taete, / daz es verswigen waere. / er klagete sîne swaere / in sînem muote / und hâte̩ in sîner huote / sô er beste kunde, / daz ez ieman bevunde. / daz was von Ouwe Hartman / der ouch dirre klage began.

Keller 1986

Minne waltet grôzer kraft, / wande sî wirt sigehaft / an tumben unde wîsen, / an jungen unde grîsen, / an armen unde an rîchen. / gar gewalteclîchen / betwanc sî einen jungelinc, / daz er alliu sîniu dinc / muose in ir gwalt ergeben / und nâch ir gebote leben, / sô daz er ze mâze ein wîp / durch schœne sinne und durch ir lîp / minnen begunde, / dô sî im des niht gunde / daz er ir wære undertân, / sî sprach er solte sîs erlân. / Doch versuochte erz zaller zît. / disen kumberlîchen strît / entorste er nieman gesagen: / dar umbe wolte ern iemer tragen, / ob er sî des erbæte / daz sî sînen willen tæte, / daz ez verswigen wære. / er klagete sîne swære / niuwan in sînem muote / und hete in sîner huote, / sô er beste kunde, / daz ez ieman befunde. / daz was von Ouwe Hartman, / der ouch dirre klage began[.]

Gärtner 2015

Minne waltet grôzer kraft, / wande sî wirt sigehaft / an tumben unde an wîsen, / an jungen unde an grîsen, / an armen und an rîchen. / gar gewalticlîchen / betwanc sî einen jungelinc, / daz er älliu sîniu dinc / muose in ir gewalt ergeben / und nâch ir gebote leben, / sô daz er ze mâze ein wîp / durch schœne sinne und durch ir lîp / minnen begunde, / dô sî im des niht engunde / daz er ir wære undertân, / sî sprach, er solde sîs erlân. / Doch versuochte erz ze aller zît. / disen kumberlîchen strît / entorste er nieman gesagen; / dar umbe wolde ern eine tragen, / ob er sî des erbæte / daz sî sînen willen tæte, / daz ez verswigen wære. / er klagete sîne swære / in sînem muote / und hete in sîner huote, / sô er beste kunde, / daz ez ieman befunde. / daz was von Ouwe her Hartman, / der ouch dirre klage began[.]

Aus den Übersetzungen

Keller 1986

Love wields great power, for it is victorious over fools and wiseman, over young and old, over poor and rich. With force, it compelled a young man to submit totally and completely to its authority and to live according to its command, so that in a discreet way he began to love a woman because of her prefect soul and her beauty. When she did not allow him to serve her, she told him he should spare her this. But he continued to try. Of this worrysome battle he dared tell no one. For this reason he would have been willing to carry the burden forever, had he been able to convince her to do his will under the condition that he keep it a secret. He lamented his sorrows only in his heart and guarded it the best he could, so that no one would notice. This was Hartmann von Aue, who also began this lament[.]

Schönherr 2015

Die Liebe ist kaum zu überwinden, wenn sie sich erst einmal durchgesetzt hat bei Tumben und bei Weisen, bei Jungen und bei Alten, bei Armen und bei Reichen. Ganz außerordentlich hat sie einst einen Jüngling bezwungen, so dass er all sein Sinnen in ihre Gewalt geben musste und nach ihrem Gebote leben, so dass er tugendhaft eine Frau dank ihres edlen Wesens und ihres Leibes zu umwerben begann. Wobei diese ihm nicht erlaubte, dass er ihr untertan sei, sie teilte ihm mit, er solle davon ablassen. Doch er bemühte sich immer wieder. Von dieser betrüblichen Auseinandersetzung erzählte er niemandem etwas. Und so hätte er es immer gehalten, wäre es ihm gelungen zu erbitten, dass sie ihm zu Willen sei, dass es verschwiegen bliebe. Er klagte seinen Kummer nur in seinem Inneren und behütete ihn gut, so konnte er sicherstellen, dass niemand etwas davon erfuhr. Dies war Hartmann von Aue, der dann die folgende Klage niederschrieb[.]