Didrikskrönikan

Die Didrikskrönikan (DK) ist zwar eine ziemlich treue schwedische Übertragung der Thidrekssaga, kann aber nicht als bloße Variante dieses Werks gesehen werden. Die beiden Texte sind in zwei verschiedenen Sprachen verfasst und in zwei verschiedenen Jahrhunderten und historischen Kontexten entstanden. Endlich hat der schwedische Autor seine Vorlage stellenweise bewusst verändert und für einige Details das ursprüngliche Nibelungenlied zur Korrektur und Ergänzung herangezogen.

Kurzbeschreibung

  • Beziehung zur Nibelungensage: Bearbeitung der gesamten Handlung des Nibelungenlieds und der Klage in fünf getrennten Erzählsequenzen (DK 148–160, 209–212, 291–296, 302–339, 365–368)
  • Überlieferung: eine vollständige (A) und eine unvollständige (B) Handschrift → Beschreibungen: Gumælius 1824 (A), Hylander 1824 (B), Hyltén-Cavallius 1850–1854 (A, B)
  • Online-Überlieferung: A (Bl. 151v) (Abbildung), (Bl. 37r–159r) (Abdruck)
  • Titel: Didriks bok (Epilog), Sagan om Didrik af Bern (Hyltén-Cavallius 1850–1854), Didrikskrønike (Storm 1874), Didrikskrönikan (Schück 1885)
  • Verfasser: anonym
  • Sprache: Altschwedisch
  • Länge: 438 Kapitel (Hyltén-Cavallius 1850–1854), ca. 77.000 Wörter, davon rund 13.000 über die Nibelungensage
  • Form: Prosa (bis auf die drei abschließenden Verse des Epilogs)
  • Entstehungszeit: 1450–1470
  • Entstehungsort: höchstwahrscheinlich Stockholm
  • Erstausgabe: Hyltén-Cavallius 1850–1854 (Transkription)
  • Online-Übersetzungen: Ritter-Schaumburg 1976 (dt., nur Nibelungensage, Transkription), Ritter-Schaumburg 1989 (dt., Gesamtübersetzung, Auszüge), Badenhausen 2013 (engl., nur Nibelungensage, Transkription)
  • Hauptquelle: Thidrekssaga
  • Nebenquelle: Nibelungenlied
  • Rezeption: jüngere Fassung der Prosakrönikan (1476), Tiderichballade (1555–1591), Vidrichballade (1575–1591), Sivardballade (1575–1591), Grimildballade (1575–1591), Hvenische Chronik (1603)
  • Beschreibung: Wikipedia (unter Thidrekssaga)

Überlieferung

  • Die Didrikskrönikan ist in zwei Handschriften überliefert, die beide in Stockholm aufbewahrt werden. Die ältere ist um 1500 entstanden und befindet sich im Reichsarchiv (Riksarkivet) in der Skoklostersamling unter der Signatur: E 9013, in quarto (früher: Skokloster 115–116,4°). Sie besteht noch aus 159 Blättern und enthält als erstes Stück (Bl. 1r–36r) den Ritterroman Hertig Fredrik af Normandie, eine der drei sog. Eufemiavisorna, die zu Beginn des 14. Jahrhunderts die schwedische Nationalliteratur eröffneten. Die Didrikskrönikan ist das zweite und letzte Stück (Bl. 37r–159r). Diese Abschrift ist bis auf einen Textverlust von 3 Blättern vollständig. Nach Bl. 133 fehlen zwei Blätter (= DK 311–316), nach Bl. 153 ein Blatt (= DK 371–374). Zwei verschiedene Hände haben den Text eingetragen, die erste rund zwei Drittel bis Bl. 116v, die zweite das letzte Drittel ab Bl. 117r. Der Text ist durch Initialen in Kapitel gegliedert, aber diese Gliederung ist nicht konsequent durchgeführt. Nach Anmerkungen auf Bl. 36v ist ersichtlich, dass die Handschrift 1606 in den Besitz eines gewissen Jacobus Halvardi aus Småland kam. Er kann sie nicht lange behalten haben, denn schon 1609 wurde sie von Hans Eriksson Ulfsparre (1552–1616), Reichsrat und Statthalter auf Schloss Kalmar, an einen unbekannten Simon Andersson geschenkt. Danach gelangte sie in die Bibliothek des Braheschen Geschlechts auf Schloss Skokloster. Hier wurde sie 1823 wiederentdeckt.
  • Die jüngere Abschrift stammt aus den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts. Sie befindet in der Kungliga Biblioteket unter der Signatur K 45 und ist ebenfalls im Quartformat. Sie umfasst 262 Blätter und fünf Stücke. Die Didrikskrönikan steht nach dem Hertig Fredrik af Normandie (Bl. 17v–88v) an dritter Stelle mit neuer Blattzählung (Bl. 1a–125r). Die Abschrift ist unvollständig und endet in Kapitel 229. Abgesehen von den Abschnitten von Sigords Jugend und seiner Hochzeit mit Krimilla fehlt die Nibelungensage also in dieser Handschrift. In älterer Literatur fand sie mehrmals Erwähnung: Nyerup 1811; Gumælius 1822; Hylander 1824; Molbech 1843; Ahlstrand 1844; Klemming 1846; Ahlstrand 1853. Der dänische Historiker Christian Molbech hielt die Mundart wegen zahlreicher Danismen für Dänisch (S. 159f). Diese Ansicht wird von sämtlichen Schweden abgelehnt. Ein Verzeichnis der abweichenden Lesarten ist der bislang einzigen Ausgabe des Textes angehängt (Hyltén-Cavallius 1850–1854, S. 307–336)

Die Entstehung der Didrikskrönikan

  • Es besteht Einigkeit darüber, dass die Stockholmer Membran der Thidrekssaga (Mb) als unmittelbare Vorlage für die Didrikskrönikan diente und dass die schwedische Bearbeitung in Stockholm entstand. Vermutlich wurde die alte Membran nach der Krönung des schwedischen Königs Karl Knutsson (um 1408–1470) zum norwegischen König in Nidaros (heute Trondheim) im Jahr 1449 nach Stockholm gebracht. Diese 1850 vom norwegischen Historiker Peter Andreas Munch geäußerte Hypothese hat allgemeine Zustimmung gefunden.

Holzbildnis von Karl Knutsson,  um 1480 (Gripsholm, Stockholm)

  • Karl Knutsson konnte die norwegische Krone nur kurzfristig behalten und wurde später auch zweimal vom schwedischen Thron abgesetzt. Er verbrachte sieben Jahre im Exil in Danzig (1457–1464). Trotz dieser Schwierigkeiten beförderte er die schwedische Nationalliteratur und insbesondere den Gotizismus (schw. göticism). Dieser Hypothese zufolge stammen die historischen Goten, die im 3. Jahrhundert am Schwarzen Meer auftauchten, aus Schweden und werden wegen der Namensgleichheit mit den Einwohnern von Götaland und Gotland identifiziert. Auf der Ostseeinsel ist die Hypothese schon im frühen 13. Jahrhundert literarisch durch die sog. Gutasaga belegt. Eine theoretische Unterstützung der Hypothese, die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts als schwedische Nationalideologie galt, kam von Ericus Olai aus Uppsala (†1486), dem „Vater der schwedischen Historiographie“. Er ist besonders für seine nach Karl Knutssons Tod im Jahr 1470 entstandene Chronica regni Gothorum berühmt. Hier wird zum ersten Mal der Versuch unternommen, den Gotizismus durch sprachliche und historische Argumente zu untermauern.
  • Der Gotizismus schimmert auch in der Didrikskrönikan durch, die vom größten historischen Goten aller Zeiten handelt. In der Thidrekssaga herrscht König Vilcinus über ein riesiges Ostseeimperium, das Schweden, „Gotenland“, Schonen, Jütland und Wendland umfasst, vgl. TS 21: En þat heitir nu Suiðioð oc Gautland oc allt Sviakonungs uelldi. Skanæy. Sealand. Jvtland. Vinland oc oll þau riki er þar til hallda. (‘Das sind heute Schweden, Götaland [oder Gotland], das ganze Gebiet des Schweden­königs, Schonen, Seeland, Jütland, Wendland und alle die Reiche, die dazu gehören.’) In der Didriskrönikan wird dieses Territorium implizite mit dem damaligen Schweden identifiziert. Deshalb wird Jütland zum Beispiel weggelassen, vgl. DK 16: som nw är kalladh swerige oc götaland oc skane oc siäland oc winland oc all the rike ther till lage the kalladis ty wilcina land. An späterer Stelle wird das Land des Königs einfach Schweden (Swerige o.ä.) genannt. Auf dieser Grundlage ist die Didrikskrönikan als Propagandaschrift gegen die dänischen Hegemonieansprüche interpretiert worden (Henning 1970, S. 28).
  • Der schwedische Bearbeiter kürzt oft seine Vorlage und reduziert fast den Umfang auf die Hälfte. Gleichzeitig nimmt er Veränderungen vor, die den Einfluss des Nibelungenlieds verraten. Die fünf Geschwister Gernoz, Gislher, Grimhild, Gunnar und Högni werden Gernholt, Gynter, Krimilla, Gunnar und Hagen o.ä. genannt. Die neuen Formen sind deutlich von den deutschen Namen Gernot, Gunther, Kriemhild und Hagen beeinflusst. Nur Gunnar ist stehen geblieben, weil Gunther mit Gislher verwechselt wurde. Folkher bekommt mit Folkward o.ä. einen Namen, der sich von demjenigen im Nibelungenlied entfernt, wird aber fast systematisch speleman genannt, und dieses Epitheton stammt nicht aus der Thidrekssaga, sondern aus der deutschen Nebenquelle.
  • Der eindeutigste Einfluss des mittelhochdeutschen Epos auf die Didrikskrönikan ist in der Drachenepisode zu finden. In der norwegischen Vorlage beschmiert Sigurd seinen Körper mit Drachenblut bis auf eine Stelle zwischen den Schultern, die er nicht erreichen kann (TS 166). Der Schwede fügt hinzu, dass der Held hier keine Hornhaut bekam, weil ein Ahornblatt (lönnalöff) zwischen seinen Schultern stecken geblieben war (DK 158).
  • Diese Einzelheit und die Namensveränderungen zeugen von einer sehr oberflächlichen Kenntnis des Nibelungenlieds. Vielleicht wurde die Linde durch mündliche Vermittlung zu einem Ahorn, denn die beiden Bäume werden in Skandinavien ähnlich ausgesprochen (schw. lind/lönn; dän. lind/løn). In Frage kommt besonders ein dänischer Gewährsmann, denn in Dänemark war das abschließende d damals schon stumm geworden.
  • Der Verfasser der Didrikskrönikan ist unbekannt, könnte aber mit Ericus Olai identisch sein. Dieser Gelehrte verbrachte fünf Jahre an der Universität in Rostock (1447–1452) und kann damals vom Nibelungenlied gehört haben. Da der Gotizismus in der Didrikskrönikan nur sehr diskret zum Ausdruck kommt, kann dieser Text nicht nach der Chronica regni Gothorum verfasst worden sein. Wenn die schwedische Bearbeitung der Thidrekssaga tatsächlich auf Ericus Olai zurückgeht, muss sie als Jugendwerk entstanden sein.

Die Rezeption der Didrikskrönikan

  • Die Didrikskrönikan wurde nicht lange nach ihrer Entstehung in einer Abschrift der der Prosakrönikan, der ersten schwedischen Prosachronik, exzerpiert. Diese Chronik entstand vermutlich im Zeitraum 1450–1457 im Gråmunkeklostret auf der Insel Riddarholmen in Stockholm auf Karl Knutssons Veranlassung. In einer der acht erhaltenen Abschriften (D 3) ist ein fast wörtlicher Auszug aus dem Kapitel 18 der Didrikskrönikan zu finden. Die Prosachronik wurde zuletzt 1868 und 1881 von Gustav Klemming herausgegeben und ist in der vorletzten Edition online zugänglich (Fant 1818, S. 239–250; Auszug aus D 3: S. 250f). Die Abschrift entstand 1476. Deshalb wird dieses Jahr als Terminus post quem für die Didrikskrönikan angesehen, vgl. Hyltén-Cavallius 1850–1854. Gustav Storm hat 1874 eine Entstehung vor 1449 befürwortet, ist 1885 allerdings von Henrik Schück widerlegt worden.
  • Ein Jahrhundert später diente die Didrikskrönikan als Grundlage für mindestens vier dänische Balladen, diejenigen von Vidrichs Kampf mit einem Riesen, Grimilds Verrat an ihren Brüdern, Sivards Kampf mit Humble und Tiderichs Kampf mit einem Drachen. Alle vier Balladen fanden 1591 Aufnahme in den ersten Teil des Hundertballadenbuchs (Hundredvisebogen): Vidrichs Kampf (Nr. 4), Sivards Kampf (Nr. 5), Grimilds Verrat (Nr. 7–9) und Tiderichs Kampf (Nr. 12b). Für die Vidrichballade dienten die Kapitel 177–183 als Vorlage, für die Sivardballade die Kapitel 163, 165, 185–190, für die Grimildballade Kapitel 291–296, 302–339, 365–368, für die Tiderichballade die Kapitel 359f, vgl. Peter Hvilshøj Andersen: Die Nibelungen zogen nach Dänemark, Frankfurt/M. 2007, S. 102f, 170.
  • Von der Didrikskrönikan stammen mehrere Einzelheiten, die weder in der Thidrekssaga noch in irgendeiner anderen Fassung der Nibelungensage vorkommen, zum Beispiel die charakteristischen Beinamen, die Hogen und Folquard in der Grimildballade tragen. Vedel nennt sie fast durchgängig Helled und Spilmand. In der Vorlage heißen sie hellit Hagen (DK 185) und Folqwardh speleman (DK 305). Am auffälligsten ist der Einfluss der Didrikskrönikan in der Episode, wo Grimild Erbsen auf nasse Häute streut, um Hogen zu überlisten und zum Fall zu bringen. In der Thidrekssaga ist nur von Ochsenhäuten die Rede (TS 379). Der schwedische Bearbeiter fügt selbständig Erbsen hinzu, um die Falle zu verbessern (DK 323). Um diese Übereinstimmungen zu erklären, ist vermutet worden, dass die Didrikskrönikan von der dänischen Balladentradition beeinflusst ist (Storm 1874). Eine derartige Spekulation lässt sich nicht widerlegen, weil es sich in diesem Fall um eine reine Glaubensfrage handelt. Die Hypothese ist jedoch mit der rationalen Philologie unvereinbar, denn diese Wissenschaft verbietet gemeinsame Vorlagen zu vermuten, wenn kein empirisch überprüfbares Argument für ihre Existenz spricht.
  • Die älteste der vier dänischen Balladen ist diejenige von Tiderichs Drachenkampf. Sie wurde schon 1555 vom Aristokraten Jens Bille, dem Onkel des dänischen Astronomen Tycho Brahe, aufgezeichnet. Die drei übrigen wurden nach 1575 vom jütländischen Historiker Anders Sørensen Vedel gedichtet und 1591 von ihm im Hundertballadenbuch veröffentlicht (siehe dazu die Grimildballade). 1603 war die durch die Balladen erschlossene Handschrift der Didrikskrönikan in den Besitz des dänischen Physikprofessors Jon Jakobsen Venusin gelangt. Er benutzte die schwedische Vorlage für die Hvenische Chronik, besonders für die Episode von der „Zähmung der Widerspenstigen“, wo Chremild Brünhilds herkömmliche Rolle übernimmt. Nach 1603 hörte der Einfluss der Didrikskrönikan auf die dänische Literatur auf. Vielleicht kehrte die erschlossene Handschrift damals nach Schweden zurück. Ab 1606 ist die Handschrift A in Südschweden belegt und kann also mit der Vorlage der Balladen und des Prosamärchens identisch sein.

Die Forschungslage

  • Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist nur eine bedeutsame Arbeit zur Didrikskrönikan entstanden. 1970 wurden die Beziehungen zwischen den Handschriften der Thidrekssaga und der Bearbeitung, die Übersetzungstechnik des Schweden und seine Stilzüge in einer umfangreichen Monographie analysiert. Außerhalb der akademischen Kreise hat diese seriöse Forschungsarbeit nur wenig Aufmerksamkeit gefunden. Die Sprache des Buchs hat der internationalen Rezeption Grenzen gesetzt, vgl. Bengt Henning: Didrikskrönikan. Handskriftsrelationer, översättningsteknik och stildrag, Stockholm 1970 (= Acta Universitatis Stockholmiensis, New Series, 8).
  • 1976 übersetzte der deutsche Privatgelehrte Heinz Ritter-Schaumburg die Nibelungenabschnitte der Didrikskrönikan und legte eine aufsehenerregende Hypothese zur Entstehung der Sage vor, die er 1981 in seinem Buch Die Nibelungen zogen nach Norden ausführlicher darstellte. Er hielt den schwedischen Text für eine verlässliche Quelle zu historischen Vorgängen während der Völkerwanderungszeit am Niederrhein. Er identifizierte das Bern der Sage mit Bonn und hielt Soest für die Heimat des im Nibelungenlied beschriebenen Burgundenuntergangs. Ritter-Schaumburg zufolge hatte der Dichter des Epos die ursprüngliche Handlung nach Osten verlegt. In der Forschungswelt ist diese Hypothese auf starke Skepsis gestoßen und ist zuweilen mit Vehemenz bekämpft worden. In chronologischer Hinsicht verstößt sie nicht nur gegen den gesunden Menschenverstand, sondern auch gegen die rationale Philologie. Wie Gustav Storm 1874 über den Einfluss der dänischen Renaissanceballade auf die spätmittelalterliche Didrikskrönikan spekulierte, spekulierte Ritter-Schaumburg über den Vorrang der schwedischen Bearbeitung vor dem nachweisbar erheblich älteren mittelhochdeutschen Epos. Beide begingen einen verhängnisvollen Anachronismus.

Unavngivet

© Rolf Badenhausen 2014 (mit freundlicher Genehmigung)

Quelle: Badenhausens Website (mit Materialien zu Ritter-Schaumburgs Hypothese)