Hürnen Seyfrid

  • Der Hürnen Seyfrid (HS) ist eine strophische Kurzfassung der Nibelungensage mit Fokus auf den Drachentöter. Das Gedicht ist zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Druck erfassbar. Es verbindet Elemente aus der nordischen Überlieferung mit den deutschen Fassungen. Die zentrale Entführungsgeschichte ist hier zum ersten Mal in ihrer Gesamtheit erhalten.

HS Holzschnitt 7 (K)

Krimhild wird in Worms vom Drachen entführt (K, Holzschnitt 7)

Kurzbeschreibung

Zusammenfassung

Der Text ist durch 27 Holzschnitte mit Untertiteln graphisch in eine entsprechende Zahl von Erzähleinheiten gegliedert. Die folgende Gliederung beruht lediglich auf dem inhaltlichen Zusammenhang.

  • Die Hornhautererwerbung (HS 1–11, 6 Holzschnitte): Seyfrid ist der Sohn von Sigmund, König von Niderland. Er ist ungehorsam und verdrießt seine Eltern so sehr, dass sie ihn auf die Empfehlung der Hofräte für einige Zeit fortschicken. Er kommt zu einem Schmied in einem Dorf und tritt in dessen Dienst. Eines Tages spaltet er den Amboss des Schmieds, streitet sich mit den anderen Lehrlingen und dem Meister und versetzt ihnen Schläge. Um ihn loszuwerden, schickt ihn der Schmied in einen Wald. Er soll bei einem Köhler Kohle holen. Der Schmied hofft, dass ein Drache, der in der Nähe unter einer Linde wohnt, den Lehrling töten wird. Im Wald stößt Seyfrid auf den Drachen und andere Untiere, reißt Bäume aus der Erde, wirft sie auf die Ungeheuer und verbrennt sie mit dem Feuer des Köhlers. Er entdeckt dabei, dass ihr Horn erweicht und beim Trocknen auf seiner eigenen Haut wieder erhärtet. Deshalb beschmiert er seinen Körper mit dem erweichten Horn, bis auf eine Stelle zwischen den Schultern, die ihm später zum Verhängnis wird.

HS Holzschnitt 6 (K)

Der junge Seyfrid beschmiert sich mit Drachenschmalz (K, Holzschnitt 6)

  • Die Entführung der Königstochter (HS 11–21, 2 Holzschnitte): Seyfrid reist zum Hof des Königs Gybich in Worms und tritt in dessen Dienst. Der Fürst hat drei Söhne und eine Tochter, mit der Seyfrid acht Jahre verheiratet sein wird. Vorher wird er in einem Berg einen Hort finden, den der Zwerg Nybling eingeschlossen hat. Dieser Schatz wird jetzt von den drei Söhnen des Zwergs gehütet. Viele Helden werden sich um den Hort streiten und den Tod finden. Nur Dieterich von Bern und Hiltebrand werden diesen Krieg überleben. Während die Königstochter eines Tages am Fenster steht, wird sie von einem Drachen entführt und auf einen Felsen getragen. Dort kümmert sich der Entführer vier Jahre lang um sie.
  • Auf der Suche nach der Königstochter (HS 32–41, 2 Holzschnitte): Durch Boten sucht der König nach seiner Tochter, die eines Tages von einem Helden erlöst wird. Währenddessen wächst Seyfrid zu einem Mann heran und hängt Löwen zum Spaß an die Bäume. Eines Tages geht er mit seinen Hunden auf die Jagd und kommt auf die Spur der Prinzessin. Vier Tage folgt er ohne Essen und Trinken seinen Hunden durch den Wald und erreicht endlich den Drachenstein.
  • Der Zwerg Euglein (HS 42–60, 2 Holzschnitte): Im Wald begegnet der Held dem Zwerg Euglein. Das Männlein ist schön gekleidet, trägt eine Krone und reitet auf einem schwarzen Ross. Er erzählt Seyfrid, seine Mutter heiße Siglinge, sein Vater sei König Sigmund. Der Zwerg warnt den Helden vor dem Drachen, der die Königstochter Krimhild gefangen hält. Seyfrid schwört, er werde die Jungfrau befreien und schmeißt den Zwerg gegen eine Steinwand. Euglein bietet dann dem Helden seine Hilfe an und führt ihn zum Riesen Kuperan, der den Schlüssel zum Drachenstein besitzt.
  • Erster Kampf mit dem Riesen Kuperan (HS 61–84, 2 Holzschnitte): Kuperan erscheint in der Türöffnung mit einer Stahlstange. Beim ersten Schlag verfehlt er Seyfrid und haut die Stange tief in die Erde. Der Held schlägt zurück und verletzt den Riesen. Dieser flieht in seine Wohnung, verbindet seine Wunden, rüstet sich mit Brünne und Schwert und kommt zurück. Nach hartem Kampf ergibt er sich. Siegfried gewährt ihm das Leben und verlangt, dass er ihm hilft, die Jungfrau zu gewinnen. Der Riese schwört ihm Treue.
  • Seyfrid wird vom Zwerg gerettet (HS 85–94, 2 Holzschnitte): Kuperan führt den Helden zu einem Damm. Dort überfällt er ihn von hinten und schlägt ihn nieder. Im letzten Augenblick erscheint der Zwerg und rettet Seyfrid das Leben, indem er eine Nebelkappe über ihn wirft. Sie macht ihn unsichtbar. Er kommt wieder zu sich und dankt dem Zwerg. Obwohl Euglein ihm erneut empfiehlt, auf die Jungfrau zu verzichten, beharrt der Held auf seinem Vorhaben.
  • Zweiter Kampf mit dem Riesen und Begegnung mit der Jungfrau (HS 95–106, kein Holzschnitt): Seyfrid zieht die Nebelkappe aus und setzt den Kampf fort. Er besiegt den Riesen zum zweiten Mal und verlangt, dass er ihn zur Jungfrau führt. Acht Klafter unter der Erde sitzt die Jungfrau gefangen. Sie erkennt den Ritter, fragt ihn, wie es ihren Eltern geht, und warnt ihn vor dem Drachen. Er hat jedoch keine Angst.
  • Dritter Kampf mit dem Riesen (HS 107–119, 2 Holzschnitte): Der Riese gibt ihm ein Schwert und überfällt ihn einmal wieder, während sie auf dem Drachenstein stehen. Siegfried besiegt ihn erneut und erzeigt ihm diesmal keine Gnade. Er stößt ihn vom Felsen herunter, so dass er zerschmettert. Die Jungfrau macht sich noch Sorgen um den Drachen, und Siegfried hat Hunger. Der Zwerg bringt ihnen Essen.

HS Holzschnitt 19 (K)

Seyfrid und Krimhild werden beim Essen überrascht (K, Holzschnitt 19)

  • Erster Kampf mit dem Drachen (HS 120–138, 2 Holzschnitte): Da kommt der feurige Drache geflogen. Er war ein schöner Jüngling und wurde von einer Frau verflucht, so dass er nur alle fünf Jahre Menschengestalt annehmen kann. Er hat sich lange um die Jungfrau gekümmert und ist deshalb über Siegfrieds Ankunft verärgert. Die Jungfrau versteckt sich in der Höhle, während der Held auf dem Felsen mit dem Drachen kämpft. Inzwischen tragen Eugleins zwei Brüder Nyblings Schatz, den sie hüten, aus dem Berg und verstecken ihn unter ihrer Flucht in der Höhle.
  • Zweiter Kampf mit dem Drachen (HS 139–149, 3 Holzschnitte): Wegen der Hitze flieht Seyfrid in die Höhle und findet den Schatz. Die Jungfrau bangt immer mehr um den Helden, weil der Drache jetzt sechzig junge Drachen geholt hat. Der Held selbst ist furchtlos und kehrt auf den Felsen zurück. Er schlägt zuerst mit seinem Schwert auf den Drachen ein, bis das Horn schmilzt, haut ihn dann entzwei, stößt beide Teile hinunter und fällt zum Schluss selbst in Ohnmacht.
  • Eugleins Prophezeiung (HS 150–163, 2 Holzschnitte): Der Held kommt wieder zu sich und findet die Jungfrau am Boden liegen. Er hält sie für tot und klagt seine Not. Euglein erscheint und heilt die Jungfrau mit einem Kraut, das er ihr in den Mund steckt. Er erklärt, dass Kuperan ihn und 1000 weitere Zwerge bezwungen hatte, dankt Siegfried für die Befreiung und gibt Seyfrid und der Jungfrau eine köstliche Mahlzeit. Er ist bereit, sie mit 1000 Zwergen nach Worms zu begleiten. Seyfrid nimmt nur den sternkündigen Zwerg selbst mit und bittet ihn, seine Zukunft zu enthüllen. Euglein prophezeit ihm eine achtjährige Ehe mit der Jungfrau und danach einen gewaltsamen Tod. Seine Frau werde ihn jedoch rächen und schließlich selbst in einem großen Krieg sterben. Seyfrid tröstet sich mit der posthumen Rache und will den Namen seines Mörders nicht wissen.
  • Hortversenkung (HS 164–168, 1 Holzschnitt): Der Held schickt den Zwerg zum Berg zurück und denkt an den Schatz. In der Meinung, dass der Hort ihm jetzt gehört, holt er ihn und versenkt ihn in den Rhein, weil er ihm wegen der ihm prophezeiten kurzen Lebenszeit nichts nützen wird. Seyfrid wusste nicht, dass der Schatz den Zwergen gehört.
  • Hochzeit und Mord (HS 169–179, kein Holzschnitt): Seyfrid und die Jungfrau werden in Worms feierlich empfangen, und König Gybich veranstaltet ein riesiges Hochzeitsfest mit anschließendem Turnier und der Teilnahme vieler Fürsten. Durch seine Regierung erweckt Held den Neid seiner Schwäger Günther, Hagen und Gyrnot. Eines Tages wird Seyfrid im Odenwald (HS 177: Otten Waldt) an einem Brunnen von Hagen erstochen. In der Geschichte von „Seyfrides hochzeyt“ wird von der achtjährigen Ehe des Helden ausführlicher berichtet.

Überlieferung

Ein einziger handschriftlicher Auszug

1. Stockholm, um 1550 (St)

    • Incipit (kein Titelblatt): Dat sas im niderlande / ein konning wolbekanth …
    • Explicit: … was wunder er anfenck.
    • Entstehungsort: Stockholm oder Livland
    • Schreiber: unbekannt
    • Beschreibung: um 1550 (Beyer/Flood 2000, S. 36), 1 Doppelblatt (fol. 1r–2r = HS 1–12), 330 x 210 mm
    • Namensform: Zufrit (2-mal)
    • Standort: Stockholm (Signatur: Livonica I, A: 43)
    • Geschichte: seit unbekannter Zeit in Stockholm; 1996 von Jüri Kivimäe (geb. 1947) entdeckt (vgl. Beyer/Flood 2000, S. 35)
    • Abdruck: Beyer/Flood 2000, S. 56–59
    • Abbildung: Beyer/Flood 2000, S. 52–54
    • Literatur: Beyer/Flood 2000; Holzbauer 2003, Kofler 2008
    • Sigle: St (Holzbauer 2003)

Zwölf Drucke mit Text

1. Nürnberg: Hergotin, um 1530 (K)

    • Titelblatt: Hierinn findt jr ein schönes Lied || Von dem Hürnen Sewfrid || Vnd ist in des Hiltebrandes thon || Deßgleychen jch nie gehört han || Vnd wenn jr das leßt recht vnd eben || So werdt jr mir gewunnen geben || [Holzschnitt: Abschiedsszene] ||
    • Kolophon (fol. E8r): Gedruckt zü Nürnberg durch || Kunegund Hergotin. ||
    • Druckort: Nürnberg
    • Drucker: Kunigunde Hergot (tätig 1527–1539)
    • Beschreibung: um 1530 (Flood), um 1535 (Schanze), 40 Blätter (= A–E8), 8º, Titelholzschnitt und 27 Textholzschnitte
    • Namensform: Sewfrid
    • Standort: Zwickau (Signatur: Oktavsammelband 30 5 22,2, nicht im Online-Katalog)
    • Geschichte: 1856 vielleicht von Julius Feifalik eingesehen; von 1874 bis 1902 als verschollen gemeldet; von Otto Clemen in der Zwickauer Ratsschulbibliothek entdeckt und 1911 als Faksimile veröffentlicht
    • Abdruck: King 1958, S. 103–179
    • Abbildung: Clemen 1911 (vollständiges Faksimile der 78 Seiten); Holzbauer 2000 (die 27 Textholzschnitte); Holzbauer 2001, S. 7–59 (die 27 Textholzschnitte); Harsch/Graham 2007 (Text = King 1958, Illustrationen = Titelblatt + Holzbauer 2000, mit Kolorierung)
    • Literatur: Feifalik 1856, Sp. 403; Goedeke 1859, S. 102; Graesse 1865, S. 401; Steinmeyer 1874, S. 334f; Golther 1889, S. v; Herrmann 1902, S. 61; Clemen 1911; Lindemann 1913, S. 3; Heitz/Ritter 1924, S. 168 (Nr. 597); King 1952, S. 66ff; King 1958, S. 6; Flood 1980, II, S. 10; Schanze 1987; Gotzkowsky 1991, S. 336
    • VD16: H 4072
    • Sigle: Nh (Herrmann), Nb (Bernhöft), N (Lindemann), K (King 1952)

2. Nürnberg: Wachter, um 1540 (N)